Neuordnung der Oberstufe
Resolution der Fachverbände
Das neue Schulgesetz will die allgemein bildende Funktion der gymnasialen Oberstufe und die Studierfähigkeit der Abiturienten verbessern.
Zu diesem Zweck sollen Leistungs- und Grundkurse durch vierstündige Fächer mit erhöhtem und zweistündige Fächer mit grundlegendem Anforderungsniveau ersetzt werden.
Die unterzeichnenden Fachverbände befürchten von dieser Neuregelung gravierende Verschlechterungen der Qualität schulischer Bildung in der gymnasialen Oberstufe. Bisher unumstrittene Ansprüche an eine wissenschaftspropädeutische Ausbildung in Verknüpfung mit einer schülerbezogenen Persönlichkeitsbildung werden in der künftigen gymnasialen Oberstufe nicht mehr erfüllt werden können:
1. Die geplante gymnasiale Oberstufe wird dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule nicht mehr gerecht werden.
2. Sie kann für relevante Bereiche unserer Kultur keine grundlegende Bildung mehr anbieten und sichern.
3. Sie nimmt SchülerInnen die wichtige Chance, individuellen Bildungsinteressen nachzukommen und sich mit für sie wichtigen Lernfeldern exemplarisch tiefer auseinander zu setzen.
Die unterzeichnenden Fachverbände fordern, die gymnasiale Oberstufe so zu strukturieren,
· dass alle Fächer grundsätzlich mindestens dreistündig angeboten werden,
· dass exemplarisch ein vertieftes Lernen in vom Schüler zu wählenden Fächern ermöglicht wird.
Für den Fall, dass an der vorgelegten Konzeption grundsätzlich festgehalten wird, fordern die Fachverbände, zumindest
· weitere Fächer – über Sprachen und Naturwissenschaften hinaus - als Profilfach zuzulassen,
· nur zwei „Kernkompetenz“fächer für das Abitur verpflichtend zu machen, um durch diese Öffnung für weitere Fächer eine breitere Vielfalt im Abitur und eine breitere Beteiligung in der Schule an der Abiturvorbereitung zu gewährleisten.
Bund deutscher Kunsterzieher NRW
Fachverband für Kunstpädagogik
gez. Rolf Niehoff
Deutscher Sportlehrerverband (DSLV)
Landesverband Nordrhein Westfalen
gez. Helmut Zimmermann
Deutsche Vereinigung für politische Bildung
Landesverband Nordrhein-Westfalen
gez. Prof. Dr. Stephan Thomas
Fachverband Philosophie
Nordrhein-Westfalen
gez. Klaus Draken
MUED eV
gez. Heinz Böer
Verband Deutscher Schulmusiker
Landesverband Nordrhein-Westfalen
gez. Anke Haun
Zur Erläuterung:
1. Die geplante gymnasiale Oberstufe wird dem umfassenden Bildungsauftrag der Schule nicht mehr gerecht werden. In doppelter Weise wird der schulische Bildungsauftrag eingeengt:
1.1. Konzentration auf die sog. Kernkompetenzen in der vorliegenden Form entwertet wesentliche Dimensionen der Bildung.
1.1.1. Historische Bildung, die Auseinandersetzung mit künstlerischen Arbeitsweisen und Phänomenen, die Fähigkeit zur Orientierung und aktiven Teilhabe an der naturwissenschaftlich-technischen Entwicklung, die körperliche Entwicklung und den Erwerb motorischer Fähigkeiten, die reflektierte Entwicklung begründeter ethischer und politischer Auffassungen werden in Zukunft sowohl in der Schule als auch im Bewusstsein der Schüler eine sehr deutlich geringere Verbindlichkeit haben als bisher.
1.1.2. Unter dieser Engführung wird auch die Entwicklung der Kernkompetenzen leiden. Eine gymnasiale Oberstufe, die „die sprachliche Ausdrucksfähigkeit, insbesondere die schriftliche Darlegung eines konzisen Gedankengangs“ oder den „sichere(n) Umgang mit mathematischen Symbolen und Modellen“ (KMK, Vereinbarung zur Gestaltung der gymnasialen Oberstufe in der Sekundarstufe II, Fassung vom 16.06.2000) entwickeln und sichern will, ist auf die Mitarbeit aller Fächer angewiesen. Das wird in Zukunft nicht mehr möglich sein.
1.2. Die Wahl des Profilfachs auf Naturwissenschaft und Fremdsprachen zu beschränken ist sachlich nicht gerechtfertigt und engt den Gestaltungsspielraum der Schulen ein. Selbst in den Gymnasien der 50er Jahre gab es eine größere Vielfalt möglicher fachlicher Ausrichtungen. Andere Bundesländer, die eine analoge Oberstufe anstreben, lassen doch deutlich mehr Vielfalt zu.
2. Die geplante gymnasiale Oberstufe kann für relevante Bereiche unserer Kultur keine grundlegende Bildung mehr anbieten und sichern. In zweistündig unterrichteten Fächern ist ein „grundlegendes Anforderungsniveau“ nicht mehr zu erreichen.
2.1. Insbesondere in den Sommerhalbjahren kann bei zweistündigen Kursen nur von 28 bis maximal 35 Stunden effektiver Unterrichtszeit ausgegangen werden.
2.1.1. In der sich sehr verkürzenden Unterrichtszeit kann z.B. nicht
· im Fach Kunst den SchülerInnen eine grundlegende Kompetenz für eine mündige Teilhabe an einer inzwischen sehr bildgeprägten Kultur sowie das dafür so notwendige Verstehen der Verzahnung von historischen und gegenwärtigen Bildern und von „traditionellen“ und „modernen“ Medien vermittelt werden
· im Fach Musik der Vielfalt musikalischer Erscheinungsformen in der Gesellschaft des 20./ 21. Jahrhunderts in ästhetischer, funktionaler und historischer Bedeutung hörend, analysierend und gestaltend nachgegangen werden.
· im Fach Philosophie grundlegende Fähigkeiten des korrekten Argumentierens und Strukturierens, der moralischen Selbstverortung und des skeptischen Vorbehalts einzuüben sowie kulturtragende anthropologische, ethische, staatsphilosophische und erkenntnistheoretische Reflexionen in angemessener Form kennen zu lernen
· im Fach Sozialwissenschaften ein grundlegendes Orientierungswissen und Verständnis der politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Strukturen sowie Prozesse aufgebaut werden, das die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzt, sich als informierte, mündige Bürger den komplexen Herausforderungen und Problemen in der globalen Welt zu stellen.
· im Fach Sport die Erfahrungen gemacht und das erforderliche Können und Wissen vermittelt werden, die Voraussetzung für eine gesunde Lebensgestaltung, die Entwicklung für Leistungsbereitschaft, Selbstwertgefühl und Sozialverhalten sind. Aus der Sicht der Neurowissenschaften braucht sportliche Bildung auch Zeit, um erzieherische und entlastende Impulse für alle anderen Fächer wirksam werden zu lassen.
2.1.2. Wenn zweistündige Fächer in Doppelstunden unterrichtet werden, ist aufgrund von Ausfalltagen ein kontinuierlicher Unterricht nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Wird der Unterricht aber in Einzelstunden erteilt, schränkt der zeitliche Aufwand für Vorbereitungsarbeiten im Experimentalunterricht, aber auch in den Fächern Kunst und Musik, noch einmal die effektive Lernzeit ein.
2.1.3. Anwendung und Reflexion von Methoden, Selbständigkeit im Denken sowie Präzision in der Begrifflichkeit sind für eine wissenschaftspropädeutische Ausbildung in sozialer Verantwortung grundlegend. Die Vermittlung dieser Qualifikationen ist in zweistündigen Kursen bedroht bzw. kaum noch möglich.
2.2. Dies hat unmittelbare Auswirkung auf die Lernchancen und auch auf das Lernverhalten der SchülerInnen.
2.2.1. Die geringere Relevanz eines Faches für das Abitur, ein geringerer Anteil von Schülerinnen und Schülern, die sich auch schriftlich in Klausuren mit den Inhalten dieses Faches auseinandersetzen, beeinflusst unmittelbar das Anspruchsniveau des Unterrichts und die Motivation der SchülerInnen.
2.2.2. Die geringere Verbindlichkeit gefährdet die Ernsthaftigkeit des Lernens in diesen Fächern. SchülerInnen werden sich daran gewöhnen, dass Fragen nur oberflächlich angerissen werden. Kumulatives Lernen wird so erschwert.
2.2.3. Mündliche Abiturprüfungen auf der Basis eines Unterrichts, dem fachlich nachdenkliche Tiefe und die Vielfalt der methodischen Dimensionen fehlt, können von SchülerInnen und LehrerInnen nicht ernst genommen werden.
2.2.4. Ein Unterricht, der ein grundlegendes Kompetenzniveau vermittelt, muss SchülerInnen befähigen, verantwortliche Teilhabe am politischen, religiösen und kulturellen Leben zu erwerben z.B. mindestens befähigen, fachbezogene Artikel in überregionalen Tageszeitungen verstehen und einordnen zu können.) Wenn das nicht mehr gewährleistet ist, untergräbt das noch weiter das Vertrauen in den Wert schulischer Bildung.
3. Die geplante gymnasiale Oberstufe nimmt SchülerInnen die wichtige Chance, ihren individuellen Bildungsinteressen nachzukommen und sich mit für sie wichtigen Lernfeldern exemplarisch tiefer auseinander zu setzen.
3.1. In den neuen 4-stündigen Fächern wird im Kern nicht mehr vermittelt werden können als bisher in Grundkursen. Sorgte bisher die Trennung in Grund- und Leistungskursen in vielen Fächern dafür, dass in den Leistungskursen in der Regel mit für das Fach motivierten SchülerInnen auf einer gemeinsamen entwickelten Grundlage gearbeitet werden konnte, so wird insbesondere in Mathematik, Naturwissenschaften und Sprachen wesentlich mehr Zeit investiert werden müssen, die individuellen Möglichkeiten von SchülerInnen zu fördern und Leistungsunterschiede auszugleichen.
3.2. Durch die Abschaffung der Leistungskurse wird die Unterrichtskultur vieler Fächer eingeschränkt. Anforderungsniveau und methodische Ausrichtung von Leistungskursen hat in der Vergangenheit immer auch auf Grundkurse ausgestrahlt. Damit ist in Zukunft nicht mehr zu rechnen.
3.3. SchülerInnen verlieren die Chance sich exemplarisch und grundlegend mit Inhalten und Methoden eines Faches auseinanderzusetzen, Selbständigkeit und Methodenbewusstsein zu entwickeln
3.4. Jugendlichen wird die Möglichkeit genommen, selbst die Schwerpunkte ihrer Bildung zu setzen - und das in einer Zeit, die in allen Lebensbereichen auf mehr Individualität, Flexibilität setzt - dies schafft Frustrationen, gefährdet Motivation. Denn eine hinreichende Individualisierung ist unverzichtbare Grundlage für den Mut, eigene Wege zu gehen und damit für Neugier, Ausdauer und Leistungsbereitschaft.


