10.01.2004 Von: Andreas Flämig

Notstand auf dem Notenständer

Deutscher Musikrat und Bundespräsident Johannes Rau proben den Schulterschluss


Eine Einladung besonderer Art flatterte dieser Tage in so manchen west-östlichen Briefkasten und machte die Empfänger neugierig. Für Montag, den 8.September 2003, hatte der Deutsche Musikrat ins ehemalige Staatsratsgebäude der vormaligen DDR, gelegen am vormaligen Marx-Engels-Platz in (Ost-) Berlin eingeladen, zu einem hochkarätig besetzten Kongress, der die Frage zu entscheiden hatte, ob nach „Musik bewegt“ ein Ausrufe- oder ein Fragezeichen zu stehen habe.  

 

v.l.n.r.: Staatsrat a.D. Hermann Lange (Hamburg), Freiherr Dr. Bernhard von Löffelholz (Jürgen-Ponto-Stiftung, Dresdner Bank), Thomas Stein („Deutschland sucht den Superstar“), Liz Mohn (Bertelsmann-Stiftung), Ernst Elitz (WDR), Karin Wolff (Kultusministerin Hessen und Vorsitzende der Kultusministerkonferenz), Prof. Gerd Albrecht (Hamburg)

Schon allein der gewählte Tagungsort bewegte vor allem den Teilnehmer mit ostdeutscher Biographie: Vor 14 Jahren hätte der nämlich keinen Fuß in die Tür des besagten Staatsratsgebäudes bekommen, es sei denn, er wäre als ausländischer Diplomat die rotbeteppichten Stufen zum Festsaal hinauf geleitet worden, zum Neujahrsempfang des vormaligen 1.Sekretärs des Politbüros des ZK (Zentralkomitees) der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands), des Genossen Erich Honecker. Der gab sich hier die Ehre, nicht nur die Botschafter vieler Herren Länder, sondern besonders gerne seine eigene Generalität zu empfangen oder die mit dem Vaterländischen Verdienstorden in Gold, Silber oder Bronze auszuzeichnenden Arbeiter und Bauern. Manchmal gerieten auch Künstler auf diese höchste staatliche Würdigungsliste, 1983 sogar der damalige Leiter des Dresdner Kreuzchores.

 Zwanzig Jahre später war ihm sein Nachfolger im Amte, Roderich Kreile, in ganz anderer Mission in dieses Gebäude gefolgt, zu eben jenem Kongress.

Vielleicht sind beider Blicke im gläsernen Treppenhaus an den fenestralen DDR-Glorifizierungen eines Walter Womacka hängen geblieben.

  

Oder an den Verzierungen des barocken Balkons über dem Eingang dieses eher nüchtern-funktional anmutenden Gebäudes. Auf eben jenem Erker hatte einst ein Karl Liebknecht Anno 1918 die (erste sozialistische) Republik auszurufen versucht.

Dieser historische Umstand hat später die DDR-Oberen bewogen, aus den Resten des zerstörten Berliner Stadtschlosses wenigstens diesen Altan zu bergen und in die lichte Zukunft mitzunehmen. Alles andere wurde dem Erdboden gleich gemacht. Schließlich brauchte man Bauplatz für den „Palast der Republik“, von den frechen  Berlinern sehr schnell in „Erichs Lampenladen“ und von den Sachsen in „Ballast der Republik“ umgetauft.

Der modert seit 1989 vor sich hin, ungeliebt und asbestverseucht. Um so schöner hebt sich dafür jetzt der Schlüter’sche Berliner Dom ab. Womit wir wieder in der Gegenwart des 8.September 2003 angelangt wären.

  

Der Kongress „Musik bewegt?!“, das sei vorweggenommen, so unterschiedlich er auch zu reflektieren und  letztlich zu bewerten ist, einte die gemeinsame Sorge um die musikalische Bildung und Erziehung in Deutschland, um die es so gut gar nicht bestellt ist. Insider wissen das schon lange und versuchen, zunehmend erfolgreicher, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, vor allem die Politik und die Presse.

In den Familien, um das an einem Phänomen zu verdeutlichen,  wird schon lange nicht mehr gesungen, nicht einmal zu Weihnachten. In den Kitas fühlen sich viele Erzieherinnen entweder gar nicht oder nur unzureichend musikalisch vorgebildet, was, leider, auch auf fast alle Grundschullehrer(innen) zutrifft, mit Ausnahme derer von Hessen, die, so die zuständige Kultusministerin Wolff in der Diskussion, mit gutem Beispiel voranzugehen gedenken und den übrigen kulturautonomen Bundesländern ein Zeichen setzen möchten. Die Botschaft hört man eigentlich wohl, allein, es fehlt der Glaube. Den hat, um einen weiteren prominenten Teilnehmer des Kongresse zu nennen, Dr. Peter Hanser-Strecker, fast verloren. In den letzten 35 Jahren, so der Geschäftsführer des SCHOTT-Verlages Mainz, hätte sich nichts verändert, vielmehr sei alles nur noch schlechter geworden.

So Unrecht hat er nicht, wenn man bedenkt, dass an den Regelschulen 80% des eigentlich fachgerecht zu erteilenden Musikunterrichts gar nicht mehr erteilt wird, erteilt werden kann. Weil die Lehrer fehlen, oder die nachwuchsbildenden Studenten. Und nicht jeder Interessent eines Studiums der Schulmusik erhält an so mancher Musikhochschule Einlass, weil z.B. sein Klaviervorspiel (angeblich) zu mangelhaft wäre.

Dabei sind gravierende Mängel an den Hochschulen selbst zu finden, nämlich in den Ausbildungsdefiziten im Bereich der Rock-Pop-Musik, der Musikethnologie und vor allem in der Unterrichtspraxis.

Gerd Albrecht hat diesen Punkt als erster benannt und von seinen punktuellen unterrichtspraktischen Erfahrungen an einer Hamburger Grundschule berichtet.

So leicht wäre dieser „Job“ nicht zu verrichten gewesen, da müsse man schon, so Albrecht, den Hut ziehen vor den vielen engagierten Schulmusikern überall in Deutschland, die nicht nur stundenweise, wie er, vielmehr ein ganzes Berufsleben die Schulmusik pflegen. Doch in Berlin sind die meisten von ihnen an diesem Vormittag des 8.September nicht präsent, können sie auch nicht, denn sie müssen ja unterrichten. Den Kopf für sie zerbrechen sich derweilen andere. Zu vorderst der Bundesvorsitzende des Verbandes Deutscher Schulmusiker (VDS),  Prof. Hans Bäßler. Ihm ist es mit zu verdanken, dass nicht nur die neu gewählte Spitze des Deutschen Musikrates in der 1. Kongress-Reihe zum Sitzen kommt, sondern ein Mitstreiter von besonderem politischem Gewicht: Bundespräsident Johannes Rau.

 

v.l.n.r.: Martin M. Krüger (Präsident des DMR), Bundespräsident Johannes Rau, Christian Höppner (Vizepräsident des DMR), Hans Bäßler (Präsidiumsmitglied des DMR und Bundesvorsitzender des VDS)

Dass Musik etwas Wunderschönes, Mut machendes und Freude auslösendes Etwas sein kann, wird auch an diesem Vormittag deutlich. Ausgesprochen  „cool“, um dieses Modewort der derzeit Heranwachsenden zu gebrauchen, klingt z.B. der musikalische Rahmen der Eröffnung, dargeboten von den „Coolen Streichern“ aus Hamburg, entdeckt und nach Berlin verpflichtet von Hans Bäßler.

Deren munteres, klang- und Gesichtsschönes Musizieren zaubert ein vielfaches Lächeln in den nüchternen Kongresssaal. Dem kann sich selbst die besagte 1.Reihe nicht entziehen:

Die Diskussion in den einzelnen „Panels“ dagegen, welch schönes fremdländische Wort für „Seminar“, „Arbeitskreis“ oder „Forum“, verläuft weniger freundlich. Denn der Notstand ist ausgebrochen, der schulmusikalische. Schon lange. Und die Situation wird immer prekärer. Dr. Peter Hanser-Strecker, Impulsreferat-Geber im „Panel 3“ wird da sehr deutlich: Eine „Generalmobilmachung“ sei nötig, ein „Rasseln der Säbel“ und „Schlagen der Trommel“, denn der Feind der Schulmusik lauere überall, stark und mächtig, z.B. auch in den Behörden.

 

v.l.n.r.: Staatsrat a.D. Hermann Lange, Karin Heyl (Dresdner Bank), Dr. Peter Hanser-Strecker (SCHOTT-Verlag Mainz), Stephan Mayer (Bayrischer Rundfunk), Monika Griefahn, MdB, Hans Bäßler (Bundesvorsitzender VDS)

Davon will Monika Griefahn, MdB, nichts wissen wollen. Immerhin sei der Bund jetzt angetreten, die Ganztagsschule zu befördern, mit viel Geld, und mit Musik.

So mancher Wichtigtuer meldet sich in dieser Situation zu Wort und stellt, welch fataler Nebeneffekt in öffentlichen Diskussionen, sich oft nur selbst dar. Das kennt und toleriert man. Letzteres mit immer weniger Vergnügen. Doch Moderator Mayer, selbst musikliebender Vater, lässt nicht locker und provoziert seine Gesprächsteilnehmer, wie konkret sie denn ab dem nächsten Morgen Musik in Bewegung zu setzen gedenken. Monika Griefahn schwört unbeirrt auf die Ausgestaltung der Ganztagsschule. Dafür werde sie in jeder Ausschuss-Stunde im Bundestag vehement eintreten. Unverhofft erhält sie aus dem Auditorium Beifall. Niels Schäfer, Mitglied im Bundesvorstand des VDS und Schulleiter des ersten niedersächsischen Gymnasiums mit einem Ganztagsangebot, springt ihr zur Seite und macht allen Anwesenden Mut. Ein solches Unterfangen, Schule am Nachmittag vor allem musikalisch zu beleben, wäre ein spannender Prozess und ein durchaus lohnender.

Karin Heyl’s Antwort auf die Mayer-Frage fällt dagegen etwas zurückhaltender aus. Vielleicht, so ihr vorsichtiges Tasten, sollte sie ihre Vorstandskollegen ab sofort ermuntern, beim gemeinsamen Frühstück nicht nur vom Golf-, sondern auch vom Instrumentalspiel zu berichten. Hans Bäßler dagegen ist um keine Antwort verlegen. Als Hochschullehrer und vor allem als Bundesvorsitzender des VDS weiß er um die vielfältigen Sorgen der Schulmusik und in der Musiklehrerausbildung. Ein neuer Kulturbegriff müsse definiert, Kinder- und Jugendkultur z.B. hinterfragt und vermittelt werden. In die Schule gehöre nicht der exzellent aufspielende Instrumentalsolist, der das Lehramt nur als brotsichernde 3.Wahl betrachte, sondern der engagierte, Schüler begeistern könnende Schulmusiker.

Die Diskussion im „Panel 3“ jedenfalls bleibt spannend, die Wortmeldungen mehren sich, doch der Pausen-Uhrzeiger mahnt zur Zäsur. Die Gespräche werden nunmehr im Foyer fortgesetzt.

Hier trifft man sich, hier wird man gesehen, hier schüttelt man so manch freundlich-kollegiale Hand, denn der VDS ist erfreulicher Weise sehr stark vertreten.

Viele seiner Landesvorsitzenden, Bundes- sowie Landesvorstandsmitglieder haben den Weg hierher nicht gescheut, u.a. Dieter Ebert, Björn Tischler, Knut Dembowski, Martin Müller Schmied, Monika Heinrich, Karin Smazal, Ortwin Nimczik, Markus Köhler, Markus Riemer, Werner Buxot, Ernst Klaus Schneider, Hermann Josef Kayser, Anke Krüger, Georg Maaß, Hans-Peter Wolf, Irmentraud Gehl, Karl Jaspers, Ernst Mai, Norbert Heukäufer, Uve Urban, Alwin Wollinger, Lothar Bonin, Stefan Bauer, Elisabeth Schmitt-Bohn. Diese zahlenmäßige Präsenz fällt auf und macht deutlich, wie ernst es dem VDS ist, Probleme der Schulmusik öffentlich zu machen und nach Lösungen zu suchen. Und es ist vor allem dem (neuen) Deutschen Musikrat zu danken, dass der VDS in dieser Frage nicht allein steht. Neben dem Präsidenten Martin Maria Krüger ist vor allem das umsichtige Wirken seines „Vizes“, Christian Höppner und das des Präsidiumsmitgliedes Hans Bäßler zu nennen. Viele Monate lang war der DMR in Turbulenzen verstrickt und somit fast bewegungsunfähig geworden. Mit „Musik bewegt?!“ hat er sich stimmgewaltig zurück gemeldet. Und beide Hauptakteure, Höppner und Bäßler, sorgen schon jetzt dafür, dass die Schulmusik im Bewusstsein der Öffentlichkeit bleiben wird, denn der nächste Kongress ist schon in Vorbereitung: Vom 20.-24.Mai 2004 wird im Kommunikations- und Trainingscenter in 61462 Königstein das Thema „Musik an der Ganztagsschule“ im Mittelpunkt stehen.

„Notstand auf dem Notenständer“? Mit Sicherheit wird diese von Hanser-Strecker formulierte Überspitzung nochlange unter der Hau brennen. Der Schulmusiker vor Ort wird dieses Problem nicht lösen können, der VDS allein auch nicht, auch nicht der DMR. Aber wenn es gelingen sollte, und „Musik bewegt!?“ hat da Hoffnungen geweckt, prominente Mitstreiter in der Wirtschaf, in den Medien, vor allem aber in der Politik zu gewinnen, wird dieser Notstand kleiner werden. Bis man irgendwann wieder vom „Wohlklang auf dem Notenständer“ sprechen kann.


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