30.06.2004 Von: Andreas Flämig

... und Geige ist der Hama!

Impressionen vom Kongress „Musik in der Ganztagsschule“ vom 20.-22.Mai 2004


Kennen Sie Königstein i.T.? Und das dortige KTC, zu deutsch: „Kommunikations- und Trainings-Centrum“ der Dresdner Bank? Letztere Institution, im guten Verbund mit der Strecker-Daelen-Stiftung und dem Siemens-art-program, hat, dem Präsidenten des Deutschen Musikrates, Martin Maria Krüger, sei Dank, sich in die Pflicht nehmen lassen und die finanziellen Voraussetzungen dafür geschaffen, der musikalischen Bildung (und Betreuung!) in Deutschland einen kräftigen Impuls zu geben. Das Zauberwort heißt „Musik in der Ganztagsschule“, für Insider schon längst ein Begriff, für Dazulernende ein akuter Nachholbedarf, denn diese „Lokomotive“ bekommt immer mehr Dampf und so mancher Zug hat sich schon in Bewegung gesetzt. Damit ihn noch möglichst viele Passagiere erreichen, besser noch: sich mit in die Zugmaschine ans Steuer setzen, hat der Deutsche Musikrat, gemeinsam mit dem Verband Deutscher Schulmusiker (VDS), zu einem exzellenten Lehrgang eingeladen, in eben jenes idyllische Königstein.

 

Königstein im Taunus (Blick vom KTC auf Burgruine und Stadt)

Mit ca. 100 Teilnehmern hatten die Verantwortlichen um den VDS-„Präsidenten“ Hans Bäßler und seinem „Innenminister“ Hermann Josef Kaiser gerechnet. Gekommen waren über 240, und das an einem Feiertag, wo deutsche Männer im Kremser sitzen und sich Reben- und Gerstensaft schmecken lassen. Doch beides gab es in Hülle und Fülle auch in Königstein, am Abend natürlich, wenn z.B. der SCHOTT-Verlag zum Empfang einlud. Dessen Geschäftsführer, Dr. Peter Hanser-Strecker, hat es sich nicht nehmen lassen, den vielen Gleichgesinnten, sich um die Schulmusik bemühenden Ehrenamtlichen, zuzuprosten. Der Homo sapiens intellectus bewege sich z.T. in merkwürdigen Verstrickungen, so Hanser-Strecker. Für Katzenfutter (!) würden die deutschen Tierliebhaber jährlich 1 Milliarde € „locker machen“, und mit dem Geld, das die U.S.-Amerikaner und –Amerikanerinnen jährlich für Fitness und Schlankheitskuren ausgeben würden, könne man den Welthunger beseitigen...

In Deutschland derweilen beklagen seit nunmehr zwei Jahren lautstark die bildungspolitisch Verantwortlichen das PISA-Desaster. Doch sie klagen nicht nur, sie tun auch etwas dagegen und haben den Geldhahn aufgedreht. Doch in so manchem Bundesland schläft man noch den Dornröschenschlaf und lässt die Hecke der Grund-Inkompetenzen weiter kräftig wuchern. In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg dagegen hat der Prinz schon längst geküsst und in Bildung (und Betreuung) kräftig investiert. Geld sei genug da, man müsse es nur abrufen, so der umtriebige Anteilungsleiter Karl-Heinz Held vom Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend in Rheinland-Pfalz.

Karl-Heinz Held vom Bildungsministerium Rheinland-Pfalz

Immerhin habe der Bund mittel- und langfristig stolze vier Milliarden € aufgelegt, damit Heranwachsende nicht nur besser lesen, schreiben und rechnen, sondern sich kompetenter, sozialer, innovativer und kreativer verhalten lernen. Nicht allein in der Schule von 08.00 – 14.00 Uhr. Diese Institution steht so schon lange zur Disposition. Sie muss sich öffnen und vor allem öffnen lassen, Partner suchen und einlassen. Von denen gäbe es genug. Man muss sie nur suchen. In besagtem Musterländle sei es inzwischen zu 73 Honorar-, 44 Dienstleistungs-, vier Projekt- und vier Kooperationsverträgen gekommen, mit Musikschulen, Chören, Vereinen und Tanzschulen. Doch die Initiative müsse von den Schulen ausgehen, konkret von den Schulleitern. Könnten diese ein schlüssiges und genehmigungsfähiges Konzept einer Ganztagsschule, in welcher Form auch immer, vorlegen, käme der Rubel ins Rollen, immerhin in einer Größenordnung zwischen 50.000,- und 125.000,- €, pro Schule, versteht sich, denn Rheinland-Pfalz stünden bis 2008 insgesamt 200 Mill. € zur Verfügung, wie in anderen Bundesländern auch. Brandenburg geriet in diesem Zusammenhang mehrfach in die Diskussion, denn immerhin hatte dessen Bildungsminister Steffen Reiche freundliche Grüße nach Königstein gesandt und einen „Muster-Kooperationsvertrag“ mit dem Landesverband der Musikschulen in die Tagungsmappe gepackt. Grundsätzlich wurde der von den Teilnehmern zustimmend zur Kenntnis genommen, bis auf den „Ausschließlichkeitsanspruch“ des VdM. Nein, so die Teilnehmer, wenn Kooperation, dann ohne „Eifersüchteleien“.

Die Zahlen aus Rheinland-Pfalz jedenfalls verursachten im Königsteiner Plenum ein leises Raunen, denn das Klientel, vor allem von den Musikschulen in freier Trägerschaft, von Instrumentallehrern, der DOV (Deutsche Orchestervereinigung), dem Deutschen Bühnenverein, den Vertretern der Kirchenmusik, um nur einige Interessenten zu nennen, war hier sehr zahlreich vertreten.

Das Plenum in der Diskussion (Moderation: Die Organisatorin der Tagung, Frau Dr. Ritter)

Doch zunächst hatten die Verantwortlichen dieses Kongresses in eine vorzügliche Trickkiste gegriffen und sich nach schulmusikalischen Leuchttürmen umgesehen und diese in den Taunus geholt.

Dr. Kathrin Höhmann, Leiterin des Ganztagsschul-Projektes am Institut für Schulentwicklungsforschung der Universität Dortmund, begann ihr Grundsatzreferat mit einer schlimmen Zahl: 850 Millionen € müsse der Steuerzahler in Deutschland jährlich für „Sitzenbleiber“ aufbringen. Das IZBB („Investitionsprogramm Zukunft -Bildung - Betreuung“) sei daher auch aus diesem Grunde dringender den je zu realisieren. Dabei sei das Projekt „Ganztagsschule“ gar nichts Neues. Ideen dazu habe es bereits im 19.Jahrhundert gegeben. Interessant wäre in diesem Zusammenhang ein Blick nach Thüringen, wo eine Begabtenförderung vor allem im Bereich Sport und Sprachen zu beobachten sei, während in Nordrhein-Westfalen ein Schwerpunkt in der Breitenförderung an Grundschulen liegen würde. Dazu käme eine demoskopisch abgesicherte hohe Akzeptanz von Ganztagsschulen. Erklärungen dafür lägen auf der Hand, denn diese (alte) neue Form von Schule sei als gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit anzusehen. In den Familien würde zunehmend die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hinterfragt; die Pädagogik müsse soziales Lernen stärker in den Mittelpunkt rücken; die Bildung wisse schon lange um ihre Aufgabe, Kompetenzen fördern zu müssen; die Ökonomie hinge unmittelbar mit dem Arbeitsmarkt zusammen und in der Gesellschaft würde das Problem von Migration (und Armut) immer deutlicher.

Frau Dr. Kathrin Höhmann (Referentin des Eröffnungsbeitrages)

Einer FORSA-Umfrage zufolge stimmen daher 78% der befragten Eltern der Einrichtung von Ganztagsschulen zu.

Derzeit, so Frau Dr. Höhmann, gäbe es in Deutschland folgende Verteilung:

1. Ganztagschule in gebundener Form (3 Tage á 7 Stunden):             44,5 %

2. Ganztagsschule in teilgebundener Form (s.o., nur für einen Teil) :  17,0 %

3. Ganztagsschule in offener Form („Kann“ - Betreuung):                     38,5 %

Allerdings haben die Ergebnisse der PISA-Studie (leider) nicht ermittelt, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler von Ganztagsschulen im Vergleich zu Schülerinnen und Schüler anderer Schulformen besitzen.

Probleme gäbe es allerdings in der Gestaltung von Ganztagsschule, denn in dem Beziehungsgeflecht von Organisation (Gebäude, Tagesstruktur, Kommunikation, Beteiligung, Kooperation), Bildungsangebot (Unterricht, AG-Angebote, Freizeitangebote) und Personal wäre der Anteil der Aufgabenübernahme durch außerschulische Träger derzeit noch viel zu gering (19,7 %), während der Lehrereinsatz mit ca. 94 % deutlich zu hoch liegen würde. Die Gefahr der „Verschulung“, wie auch von Prof. Hermann Josef Kaiser im Vorfeld des Kongresses warnend festgestellt, sei nicht zu unterschätzen.

Bezogen auf die Musik an Ganztagsschulen wies die Referentin auf eine interessante Gegenüberstellung hin:

Schule

Jugendmusikschule

Obligatorischer Besuch

Freiwilliger Besuch

Staatliche Orientierung

Nachfrageorientierung

Starre Gruppenbildung

Flexible Gruppenbildung

Formale Gruppen

Neigungsgruppen

Defizitorientiert

Stärkenorientiert

Formale Leistungsbewertung

Individualisierte Leistungsrückmeldung

Eine abstrakte Leistungsnorm steht im Mittelpunkt -

Das Individuum steht im Mittelpunkt

Das Plenum (im Vordergrund rechts: Martin Maria Krüger und Christian Höppner vom DMR)

Wenn Schulen sich für eine Ganztagsschule entscheiden wollen, sollten sie, so Höhmann, möglichst die gebundene Form favorisieren, da diese verlässliche und vor allem kontinuierliche Strukturen schaffen würde.

Damit ist die Diskussion eröffnet, die den weiteren Kongressverlauf maßgeblich bestimmt.

In Finnland, so das Credo von Timo Veijola, wäre man schon längst dabei, im „Sturm der Zeiten“ sich nicht hinter „Windschutzanlagen“ zu verstecken, sondern vielmehr „Windmühlen“ zu bauen. Die musikalische Erziehung beginne bereits im Kindergarten und würde breitflächig auch die Primarstufe umfassen.

Daran knüpft Grundschulleiter Rolf Kessler aus Düsseldorf an. Gemeinsam mit Volker Gerland von der Musikschule Dortmund berichtet er von einer beispielhaften Kooperation, die sich zum Ziel gesetzt hat, allen Kindern im 2. und 3.Schuljahr im Rahmen der vorgegebenen Stundenzahl ein musizierpraktisches Angebot zu unterbreiten. Über diese zwei Jahre erhalten alle Kinder kostenlosen Instrumentalunterricht. Der wird, man höre und staune, im Klassenverband erteilt, natürlich immer in enger fachlicher und pädagogischer Absprache, denn kaum ein Musikschullehrer verfügte bislang über diesbezügliche Unterrichtserfahrungen. Hier, so Kessler, wäre ein regelrechter „Kompetenz-Transfer“ zwischen Schule und Musikschule erfolgt, mit dem Ziel, die sattsam bekannte „Verwöhnkultur“ bei Kindern mindern zu helfen, dafür bei ihnen Respekt, Ich-Stärkung, Erhöhung von Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein zu befördern und vor allem deren „Frustrationstoleranz“ zu stärken. Das muss sehr erfolgreich verlaufen, denn anders ist folgende Äußerung aus Kindermund nicht zu verstehen:

Das sorgt im Saal für ungeteilte Heiterkeit. Dann will man wissen, wie sich so ein Projekt überhaupt finanzieren würde. Na, mit „IZBB-Mitteln“, lautet die Antwort. So „schlappe“ 130.000,-- € Projektmittel wären da geflossen.

Genau um dieses Zauberwort geht es auch im Bericht von Christoph Hein, dem Pädagogischen Koordinator von „Let’s make Music e.V.“ (Baden-Württemberg). In diesem Bundesland würden vorrangig die Hauptschulen gefördert. 170 Ganztagshauptschulen gäbe es bereits, mit einer z.T. recht komfortablen Ausstattung. „1st class rock“ – dieses Projekt würde von den Jugendlichen mit großer Begeisterung angenommen. Vom „schlechten Beigeschmack der Schulmusik“ sei hier keine Rede mehr, auch nicht von der Befürchtung einer „verlängerten Zwangsveranstaltung“ (zitiert nach Kaiser).

Vielmehr kämen die Schülerinnen und Schüler in den Vorzug von drei Musikstunden pro Woche, eine im Klassenverband, eine als Instrumentalunterricht und eine in einer Band-Formation á sieben Teilnehmer. Mit insgesamt sechs Lehrerwochenstunden, einem Unkosten-Beitrag von 20,-- € pro Schüler und Monat sei dieses Projekt zu realisieren. Und es gäbe sogar interessante Angebote aus der Musikindustrie, ein Band-Instrumental-Paket zum Herstellungspreis in Höhe von 10.000,-- € zu schnüren.

Auch dieser Diskussionsbeitrag sorgt in den Konferenzpausen für Gesprächsstoff.

Als nicht ganz so glücklich gewählt erweist sich die epische Breite eines Musical-Projektes, das den Teilnehmern am späten Abend des ersten Konferenztages in umfänglichen Wort und Video präsentiert wird. Engagement und persönlicher Einsatz aller daran Beteiligten in allen Ehren – aber die Frage nach der Qualität von Musik darf und muss immer wieder aufs Neue gestellt werden.

„Noch ist Bohlen nicht verloren!“ – so lautete ein witziges Foto-Zitat aus der „1st class rock“ - Ecke. Wenn Qualitätsstandards zu schwinden drohen, müsse dieses Bonmot womöglich neu gefasst werden: „Noch hat Bohlen nicht verloren....“

Der zweite Konferenztag (nach „Christi Himmelfahrt“) gehört den Arbeitsgruppen. Am Vormittag diskutiert man, wunschgemäß, in einer der zwölf Kreise mit, die die ganze Breite von Musik bzw. deren Institutionen zu erfassen versuchen, am Nachmittag sortiert man sich nach Schulstufen.

Exemplarisch in den Arbeitskreisen „Kirchenmusik“ sowie „Gymnasium II“ beobachtbar, kommt hier die Diskussion noch intensiver als im Plenum in Gang. Den Leitern der einzelnen Gesprächskreise fällt die nicht gerade leichte Aufgabe zu, den Extrakt der jeweiligen Diskussion in Thesen zu fassen.

Die beiden Leiter der AK Gymnasien I u. II, Ortwin Nimczik und Reinhard Höhlig

Diese werden dann am Spätnachmittag öffentlich gemacht, in der Diskussion erneut geprüft und dann den „geistigen Vätern“ des Kongresses, den Professoren Bäßler und Kaiser, auf den Schreibtisch gepackt, die daraus ein schlüssiges Positionspapier zu formulieren haben, das am nächsten Vormittag, medienpolitisch wirksam, der Präsidentin der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder, Frau Doris Ahnen, übergeben werden soll.

Wichtige Leitlinien dieses Positionspapieres, von den beiden Fachleuten in Windeseile zusammen gefasst und formuliert, liegen noch am Abend zur Einsichtnahme aus:

  1. Musik in der Ganztagsschule, in welcher Form auch immer, muss von Nachhaltigkeit geprägt sein.
  2. Dabei sollte unbedingt auch auf Kontinuität, auch über Einzelprojekte hinaus, geachtet werden

Hermann Josef Kaiser und Hans Bäßler

  1. Ohne die noch gemeinsam zu erarbeitenden Qualitätsstandards ist Musik in der Schule nicht möglich
  2. Zusammenarbeit soll und muss in integrativer Form erfolgen
  3. Rahmenvereinbarungen mit Zielabgabe sind unverzichtbar
  4. Eine Netzwerkbildung erscheint dringend geboten
  5. Musik in der Ganztagsschule muss Gegenstand der Aus- und Weiterbildung werden

Damit ist das Wichtigste gesagt. Es fasst sowohl eine nicht hoch genug einzuschätzende Vorbereitung dieses wichtigen Kongresses, als auch dessen intensive Diskussion zusammen und bildet, um mit den Worten des Präsidenten des Deutschen Musikrates, Martin Maria Krüger, zu sprechen, den „Schlussstein eines diskutiven Prozesses, den die Politik nunmehr gestaltend umzusetzen hat“. Gerade darin, so Krüger, bestünde ja die Stärke dieses musikpolitischen Dachverbandes, dass er mit dem ihm zur Verfügung stehenden Netzwerk von 91 Verbänden und 16 Landesmusikräten in der Lage ist, eine systematische Musikberatung zu leisten.

An den Schulen ist es nunmehr, diesen kräftigen „Königsteiner Impuls“ wahr- und aufzunehmen und ihn mit schulmusikalischem Leben anzureichern.

Wenn das noch besser gelänge als bisher, könnte die nächste oder übernächste PISA-Studie vielleicht zu dem Ergebnis kommen, dass dann wirklich

„Jeder weiß, wie wichtig die Musik für die Bildung, für das ‚Sich-zur-Person-Bilden’ von Menschen ist.“

(Hartmut v. Hentig)

An dieser Stelle sei ein kleiner Nachtrag erlaubt.

Die besten Programme und Positionen nützen nichts, wenn sie nicht die Menschen erfassen und begeistern. Nur wer selber „brennt“, kann Licht und Wärme verbreiten.

Zum Glück gab und gibt es Enthusiasten, die ehrenamtlich sehr viel Freizeit opfern, um sich einer zutiefst humanistischen Aufgabe widmen zu können, nämlich Heranwachsenden Wertorientierungen zu geben, in dem sie sie propagieren und vorleben.

In Königstein hat man gar viele davon gesehen.


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